Die COVID-19 Pandemie – eine atypische Krise?

WAS IST DER UNTERSCHIED ZWISCHEN DER WIRTSCHAFTSKRISE 2009 UND DER CORONA KRISE 2020?

WARUM IST DIE CORONA KRISE EINE ATYPISCHE KRISE ?

WELCHE WIRTSCHAFTSSEKTOREN SIND VON DER KRISE BESONDERS BETROFFEN UND WAS HABEN FRAUEN DAMIT ZU TUN?

Eine atypische Krise?

Wie sich die Covid-19-Pandemie von vergangenen Wirtschaftskrisen unterscheidet und warum sie sich vor allem auf die Beschäftigungsmöglichkeiten von Frauen negativ auswirkt, haben die Ökonomin Prof. Michèle Tertilt, Professorin für VWL an der Uni Mannheim, und ihr Forschungsteam herausgefunden.

Grundsätzlich werden erwerbstätige Frauen im Laufe der Krise mit zusätzlichen Aufgaben konfrontiert und ihre Belastung steigt. Weltweit sind durch die Schließungen von Bildungs- und Betreuungseinrichtungen rund 1,5 Mrd. Kinder betroffen – und natürlich sind entsprechend ihre Eltern gefragt. Vor allem die Kinderbetreuung und zusätzlich auch die fehlende Schulbetreuung wird überproportional von Müttern übernommen. Dies führt dazu, dass ihre Flexibilität eingeschränkt wird:

Die Arbeitszeiten müssen den Betreuungszeiten angepasst werden.
Prof. Michèle Tertilt

Besonders betroffen hiervon sind alleinerziehende Mütter und Väter, die die Kinder-Betreuung trotz Notbetreuung komplett übernehmen.

Darüber hinaus sind die Arbeitsplätze vieler Frauen stärker betroffen, als die von Männern. Hier wird auch der Unterschied des aktuellen wirtschaftlichen Abschwungs zu früheren Rezessionen deutlich. Bei der Finanzkrise vor 10 Jahren waren die am stärksten betroffenen Branchen, zum Beispiel die Produktion oder die Baubranche, diejenigen, die von Männern dominiert wurden. Folglich verloren damals viel mehr Männer ihren Arbeitsplatz, als Frauen. Wir sprechen genau deshalb bei der Corona Pandemie also von einer atypischen Krise, denn „normale Krisen” sind für Männer schlimmer als für Frauen. Aktuell sind jedoch Sektoren wie Gesundheit, Gastronomie und die Reisebranche enorm betroffen und in denen sind statistisch überwiegend Frauen beschäftigt. Deshalb ist anzunehmen, dass mehr Frauen ihren Job verlieren könnten, als Männer. Tertilt schlussfolgert:

„Frauen trifft die aktuelle Krise wesentlich schlimmer als Männer“
Prof. Michèle Tertilt
Die 10 am Stärksten von Kurzarbeit betroffenen Branchen: 2009 vs. 2020

ERSTE STATISTIKEN ZUR ARBEITSLOSIGKEIT ZEIGEN GESCHLECHTSSPEZIFISCHE AUSWIRKUNGEN

  • Die Statistiken zeigen die 10 am Meisten betroffenen Wirtschaftssektoren 2009 und 2020
  • Die horizontalen Linien markieren jeweils den Durchschnitt über alle Wirtschaftsbereiche.
  • Es sind 2020 deutlich mehr Frauen von der Kurzarbeit betroffen, als im Jahr 2009.
  • Es sind mehr Wirtschaftsbereiche mit hohem Frauenanteil betroffen als im Jahr 2009, gerade in den Bereichen Gastgewerbe, Kunst, Kultur und Erholung. Besonders der Zuwachs an Arbeitslosen aus dem Gastgewerbe ist sehr hoch.
  • Außerdem ist ein Beschäftigungsrückgang bei Minijober*innen und geringfügig Beschäftigten zu verzeichnen (dort sind Frauen stärker betroffen als Männer). Diese sind im Gegensatz zu Festangestellten nicht durch Kurzarbeit geschützt.

Gerade das Zusammenwirken beider Faktoren führt zu einer hohen Belastung für viele Frauen: Viele Branchen mit einem hohen Frauenanteil sind stark betroffen und viele Mütter übernehmen die Sorgelast für ihre Kinder. Sie stehen zwischen Unsicherheit und der Zukunftsangst. Hinzu kommt, dass gerade in der Corona Krise viele Frauen in Care Berufen vor Ort essentiell sind. Sie hatten also mit einer Dreifach-Belastung zu kämpfen: Kinderbetreuung, ein harter Beruf vor Ort und das ständig hohe Ansteckungsrisiko. Mehr dazu jedoch später.

LANGFRISTIG EIN GAME CHANGER?

Dieser Zustand hat große Auswirkungen auf die gesamte Gesellschaft und vor allem auf bestehende Benachteiligungen von Frauen auf dem Arbeitsmarkt. Kurzfristig werden diese deutlich verschärft. Aber ist das langfristig ein Auslöser für kulturellen Wandel?

Viele Menschen arbeiten gerade im Homeoffice. Viele Unternehmen sind überzeugt von den Vorteilen dieser Möglichkeit und haben in entsprechende Technologien investiert. Wenn das Arbeiten von zu Hause auch nach der Krise bestehen bleibt, werden Mütter, laut Wissenschaftler*innen, von der neu gewonnenen Flexibilität stark profitieren.

Eine weitere Chance liegt in der zukünftigen Verteilung der unbezahlten Kinderbetreuung. Viele Männer sind derzeit im Homeoffice und übernehmen, wenn die Mütter in ihrem Beruf vor Ort unentbehrlich sind, während der Krise die Betreuung ihrer Kinder zu Hause. Dies ist eine Chance für einen Paradigmenwechsel im Verständnis und der Organisation von Familien und Arbeit. Langfristig könnte sich dieser Rollentausch und die Belastungen der atypischen Krise als Game Changer erweisen und „in der Rollenverteilung Normen ändern“, so Tertilt.

FAZIT: GENDER-BUDGETING IN KONJUNKTURPROGRAMMEN?

Infolge der Corona-Pandemie drohen vielen Sektoren, in denen vor allem Frauen arbeiten, starke Einschnitte. So sind beispielsweise im Gastgewerbe mehr als die Hälfte aller Beschäftigten weiblich. Zusätzlich erhalten Frauen statistisch ein niedrigeres Kurzarbeitergeld, da dieses am Nettogehalt orientiert ist und Frauen seltener eine Aufstockung des Kurzarbeitergeldes erhalten – dies liegt vor allem daran, dass in tarifgebundenen Unternehmen besser bezahlt wird. Hinzu kommt, dass Mütter häufig die Hauptlast der zusätzlichen Sorgearbeit tragen.

Um den entgegenzuwirken fordern Wissenschaftler*innen, dass staatliche Maßnahmen wie Rettungspakete, Konjunkturprogramme und Maßnahmen zur Haushaltskonsolidierung nach der Wirtschaftskrise einem Gender-Budgeting unterworfen werden. Was heißt das?

Gender Budgeting bezieht sich auf die politische Haushaltsplanung. Die Geschlechterperspektive wird dabei in alle haushaltspolitischen Entscheidungen, also allen Einnahmen und Ausgaben, integriert.

Dadurch soll der Abbau bestehender geschlechtsspezifischer Ungleichheiten unterstützt werden. Die langfristigen Auswirkungen der Corona-Krise könnten so die Ungleichheiten zwischen Frauen und Männern abfedern. Ein Beispiel wären hier Maßnahmen für eine geschlechtergerechte Forschungsförderung zu finden. Damit soll erreicht werden, dass der Anteil der weiblichen und männlichen Wissenschaftler*innen, die in einem Projekt mitarbeiten, dem Anteil der Absolventen*innen in der jeweiligen Wissenschaftsdisziplin entspricht. Hierzu würde entsprechend eine Klausel in Förderverträge mitaufgenommen. Falls das für die Projektdurchführung rekrutierte Personal dieser Klausel nicht gerecht wird, werden Teile der Fördermittel einbehalten, d.h. die Nichterfüllung wird sanktioniert.

Mehr zum Thema Frauen in der Wissenschaft folgt… Denn habt ihr schon mal bewusst darauf geachtet, von wem in dieser Krise Expert*innenwissen kommt? Seid gespannt auf unseren nächsten Beitrag!

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