Handwerk braucht ZUKUNFT. Und Frauen.

Am bundesweiten Aktionstag „Nachfolge ist weiblich“, welcher am 21.06.2025 stattfand, rückten im vergangenen Monat Gründerinnen, Nachfolgerinnen und Unternehmerinnen in den Fokus, die ihre Unternehmen nicht nur übernehmen, sondern neu denken, weiterentwickeln und zukunftsfähig gestalten. Doch besonders im Handwerk ist weibliche Nachfolge nach wie vor die Ausnahme: Nur rund 18% aller Handwerksbetriebe in Deutschland werden von Frauen geführt (ZDH, 2023). Noch deutlicher wird die Schieflage bei der Betriebsnachfolge: Lediglich etwa 13% der Übernahmen im Handwerk erfolgen durch Frauen

Die Gründe sind vielfältig: Neben strukturellen Hürden wie mangelndem Zugang zu Finanzierung, fehlender Vereinbarkeit von Beruf und Familie oder Vorurteilen gegenüber Frauen in handwerklichen Führungspositionen, fehlt es oft auch schlicht an Sichtbarkeit erfolgreicher Vorbilder. Genau das soll der Aktionstag, welcher am 21.06.25 stattfand, ändern. Genau hier setzt auch die Geschichte von Isabelle Werner an.  

Von der Werkbank in die Verantwortung 

Isabelle Werner ist Tischlermeisterin, Geschäftsführerin und Inhaberin der Tischlerei Werner in Laudenbach. Sie übernahm den Familienbetrieb von ihrem Vater und zeigt, wie Nachfolge im Handwerk nicht nur gelingen, sondern ebenfalls Impulse setzen kann. Ihr Übergang zur Unternehmerin war dabei ein Prozess, kein Sprung: 

„Schon viele Jahre vor der offiziellen Geschäftsübernahme habe ich nach und nach mehr Verantwortung übernommen – zuerst bei kleineren Projekten, später auch in der Planung und Organisation von Projekten mit komplexer Struktur. […] Es war kein Sprung ins Unbekannte, sondern ein langsames, kontinuierliches Hineinwachsen. Diese Entwicklung hat mir Sicherheit gegeben und mir gezeigt, dass ich mir die Unternehmerinnen-Rolle mit der Zeit ganz natürlich erarbeitet habe.“ 

Fotos: Bernd Siebold
Fotos: Bernd Siebold
Mir ist es wichtig, in unserem Betrieb vor allem Vertrauen, Zuverlässigkeit und Respekt zu leben.
Isabelle Werner

Digitalisierung, Teamkultur und Miteinander statt Konkurrenz 

Nach der Übernahme hat Isabelle viele Dinge verändert – nicht auf einmal, sondern Schritt für Schritt. Ein zentraler Aspekt war die Digitalisierung:„Papier verwenden wir eigentlich nur noch zum Skizzieren von Ideen und Entwürfen – Angebote, Rechnungen und Unterlagen laufen inzwischen fast vollständig digital über E-Mail.“ 

Zusätzlich wurde die alltägliche Arbeitsstruktur im Team neu gedacht und stetig auf relevante Bedürfnisse angepasst. Durch ihre Nachfolge wurden auch Gleitzeitmodelle eingeführt. Ein Mitarbeiter nutzt inzwischen bewusst die 4-Tage-Woche. Diese Flexibilität und Selbstbestimmung käme im Team gut an und stärkt vor allem das Miteinander. Parallel zu den Veränderungen in personellen Prozesse wurden auch die Werkstatt und der Maschinenpark modernisiert sowie das Erscheinungsbild des Betriebs. Dieses wurde mittels neuem Logo und Website neu aufgezogen. Auch der Austausch mit anderen Betrieben ist Isabelle wichtig. Sie setzt auf ein stabiles Netzwerk und auf ein harmonisches Miteinander - mit Konkurrenz hat das ihrer Meinung nichts zu tun.  

Erfolge und Herausforderungen der Nachfolge 

„Ich wurde zu jedem Zeitpunkt von allen voll respektiert und als Chefin angenommen, was für mich sehr wertvoll war.“ Eine Grundlage, die jeder Frau nach der Übernahme des Betriebs gegeben sein sollte. Gleichzeitig gibt es weitere Herausforderungen, die Teil des Prozesses waren. „Ich habe zwar die Position meines Vaters übernommen, aber niemanden gehabt, der meinen bisherigen Aufgabenbereich übernommen oder mich unterstützt hätte. […] Die letzten 1,5 Jahre habe ich es auch ohne geschafft, aber es war phasenweise sehr stressig.“  

Werte, Haltung, Weiterentwicklung 

Isabelles unternehmerisches Handeln fußt auf klaren Werten: 

„Mir ist es wichtig, in unserem Betrieb vor allem Vertrauen, Zuverlässigkeit und Respekt zu leben. […] Wir wollen Produkte und Dienstleistungen anbieten, auf die wir selbst stolz sein können und hinter denen wir stehen.“ Nachhaltigkeit und ein bewusster Umgang mit Ressourcen sind für sie genauso selbstverständlich wie Qualität und Ehrlichkeit. Isabelle hat mit ihrer Nachfolge der Tischlerei gezeigt, dass Umschwung und Entwicklung möglich ist. Wie sie das mit ihrem Mindest vereinbaren konnte und durchzog?

Das verrät sie in den folgenden drei Tipps: 

  1. „Ein gutes Netzwerk aufzubauen. Kolleg:innen, die man sich gegenseitig unterstützt, sind Gold wert – das erleichtert den Alltag enorm.“
  2.  „Veränderungen langsam und Schritt für Schritt anzugehen. So behält man den Überblick und kann sich in Ruhe entwickeln.“
  3. „Bewahre dir deinen hohen Qualitätsanspruch, auch wenn es manchmal herausfordernd ist, diesen zu verteidigen und zu verfolgen. Genau diese Haltung sorgt dafür, dass die Arbeit am Ende wirklich gut wird und das macht langfristig einen Unterschied.“

Der Aktionstag „Nachfolge ist weiblich“ will mehr als informieren – er will inspirieren. Die Geschichte von Isabelle Werner steht exemplarisch für eine neue Generation von Unternehmerinnen im Handwerk: reflektiert, innovativ, klar in Haltung und Werten. Damit aus der Ausnahme eine Regel wird, braucht es gezielte Förderung, starke Netzwerke, sichtbare Vorbilder – und den Mut, eigene Wege zu gehen.