Meetup-Session im MUSIKPARK: Wann ist eine Idee eine Gründung wert?

Gründer, Autor, Investor und Mentor Christoph Raethke aus Berlin im NEXT MANNHEIM Interview

In unseren Zentren kümmern wir uns um Startups in allen Gründungsstadien - aber was ist mit den vielen Menschen, die eine vielleicht großartige Idee haben, sich aber nicht sicher sind und Input vom Profi brauchen?
Gründer, Autor, Investor und Mentor Christoph Raethke aus Berlin kommt am 18. Mai in unseren Musikpark zur Meetup-Session "Christoph's Feedback". Deutschlands wohl einziges Meetup, bei dem man positiv von der Gründung eines Startups abgehalten wird, bevor man sich ernsthaft mit einer Idee beschäftigt.

Im NEXT MANNHEIM Interview erklärt Christoph, was man wissen sollte, was Erfolg verspricht und was ihn dazu befähigt, dabei hilfreich zu sein. 

Wer bist du, was machst du und warum?

Christoph: "Naja, das wichtigste – ich bin natürlich im NEXT MANNHEIM Innovationsbeirat, was mich sehr freut. Die Frage ist – warum bin ich das? Ich behaupte von mir, derjenige in Deutschland zu sein, der sich länger und eventuell auch umfassender als viele andere, das Thema Gründungsförderung und Mentoring auf die Fahnen geschrieben hat. Ich selber habe 1999 zum ersten Mal gegründet, habe ab 2010 Accelerator-Programme in Berlin und ganz Deutschland geführt, 2012 mein eigenes Programm gestartet und begleitend zu dieser “Gründerausbildung” immer auch publiziert. Von mir gibt es Bücher, Pitch- und Positionierungsmethoden und mit “Angels in Deutschland” einen großen Podcast zum Thema. Zum einen bin ich selbst Gründer, zum anderen Investor,  und ich versuche, alles zu verwandeln, was ich aus meiner Praxis kennenlerne – und das seit über zwölf Jahren. Mit diesen Methoden können sowohl Studenten, als auch große Konzerne arbeiten, damit es ihnen leichter fällt, mit dem was sie tun erfolgreich zu sein.  

Als Business-Angel habe ich ein Portfolio von Startups, an denen ich beteiligt bin. Das Geld, das ich investiere, habe ich aus Verkäufen von Anteilen an Startups gewonnen. Ich bin also so etwas wie ein Gesamtpaket – ich bin nicht nur Gründer, oder Mentor oder Investor – ich versuche in meiner Arbeit alles rund um das Thema Entrepreneurship so zusammenzupacken, dass es für alle möglichst leicht beherrschbar und nützlich wird."  

Und wie kam deine Verbindung in die Rhein-Neckar Region zustande?

Christoph: "2018 habe ich angefangen, den BASF Chemovator mit aufzubauen, und bin seitdem regelmäßig in Mannheim und Ludwigshafen, weil wir Teams betreuen, die aus der BASF heraus Dinge gründen, die teilweise nah an der Chemie sind, teilweise aber auch ganz woanders.  Ein Unternehmen, dass man in diesem Zusammenhang kennen könnte, weil in der Region sehr stark tätig, ist das New-Work Startup “1000 Satellites”, das mehrere Coworking Spaces betreibt. Die Idee dahinter war, dass viele Mitarbeiter, die in kleinen Dörfern wohnen, eben nicht morgens in dieses riesige BASF-Werk fahren müssen. Warum also nicht ein Netzwerk aus Coworking-Spaces bauen, wo sich eben diese Menschen auf halbem Weg treffen können? Aktuell expandieren sie wie wild. Bedeutet, da kommt auch wirklich etwas raus, das man nutzen kann, und nicht nur “Chemie”. Und genau so etwas mache ich eben schon ganz lange – auch für andere Konzerne. Aber eben vor allem für Menschen aller Couleur, die für sich so früh wie möglich herausfinden möchten, ob ihre Idee funktionieren kann." 

Und da kommen deine Meet-Up Sessions ins Spiel?

Christoph: "Genau. Die Teilnehmer*innen sind oft nicht nur Leute, die schon ein Startup haben, oder schon finanziert sind, sondern auch Menschen, die für sich herausfinden möchten, ob sie ein bestimmtes Problem wirtschaftlich mit Startup-Mitteln lösen wollen. Das Meet-Up, das ich jetzt bei NEXT MANNHEIM im Musikpark mache, mache ich für jeden, der auf seinem Weg zum effektiven Gründen einen Schritt weiterkommen möchte. Manchmal ist dieser Schritt weiter auch ein Schritt zurück, weil nämlich viele Leute auch an Sachen arbeiten, die kein Mensch braucht. Anstatt diese Menschen dann immer auf einem falschen Weg weiter voran zu pushen, sage ich den Leuten lieber, “das ist schon 100 Mal schief gegangen, wenn ihr damit zum 101 Mal gründen wollt, solltet ihr euch wenigstens anschauen, woran die anderen gescheitert sind”!" 

Ihr erzählt mir, woran ihr arbeitet, ich sage euch, woran ihr arbeiten solltet...
Christoph Raethke
Christoph bei einer seiner mittlerweile über hundert Meetup-Sessions in Kiew
Christoph bei einer seiner mittlerweile über hundert Meetup-Sessions in Kiew

Hast du dafür ein konkretes Beispiel?

Christoph: "Ich halte darüber ja ganze Vorträge und habe Listen von Gründungen und Ideen, die so häufig schiefgegangen sind und lustigerweise dennoch immer wieder gegründet werden. Eine solche Idee sind Stadtführungen von Einwohnern für Gäste, um beispielsweise das verborgene “Mannheim” präsentieren zu können. Die Idee gab es schon 1999 und hat nie funktioniert, weil es weder Bedarf noch Geschäftsmodell gibt. Dennoch gibt es immer wieder Menschen, die so etwa googlen, dann denken, dass es so etwas noch nicht gibt und es für eine Mörder-Innovation halten, obwohl man in Wahrheit aus dem Grunde nichts findet, weil es sich schon fünfhundert Mal als schwachsinnige Idee herausgestellt hat. Und davon gibt es viele....Das sind dann häufig sogenannte “Erstwelt-Produkte” für Menschen, die absolut alles haben, denen man ein weiteres Luxusobjekt an die Hand gibt. So etwas funktioniert sehr selten und wenn dann nur mit sehr viel Marketingeinsatz."  

Welche Art von Ideen hälst du mit deiner Erfahrung für erfolgsversprechender?

Christoph: "Ich predige immer, dass man, wenn irgendwie möglich, versuchen sollte, fundamentale “Nöte” des Menschen oder von Unternehmen und Organisationen zu lösen. Zum einen, weil man ja mit seinem Leben bestenfalls etwas ausrichten und Probleme beseitigen will, anstatt ein neues Luxusprodukt auf den Markt zu werfen. Zum anderen, weil man sich, sobald man eine fundamentale Not adressiert, unfassbar viel Geld für Marketing spart. Wenn jemand etwas dringen braucht, muss er nicht groß überzeugt werden. Dann heißt es “brauch’ ich, gib her!” Die meisten Gründenden starten eben nicht mit einem Millionen-Budget, sondern mit ihrem eigenen Geld oder einer Fördermaßnahme, und können es sich gar nicht leisten, erst Mal jeden einzelnen Kunden “bestechen” zu müssen, damit er oder sie ihr Produkt kauft, von dem er nicht wusste, dass er es braucht."  

Leuten Geld abzunehmen, die kein Geld haben, ist nervig und blöd!
Christoph Räthke

Wer sollte also an Deinen Meet-Up Sessions teilnehmen und was davon erwarten?  

Christoph: "Anmelden kann sich wirklich jeder! Sogar nicht nur Leute mit konkreten Ideen, sondern auch Menschen, die gerne zuhören wollen, was andere für Ideen haben, die vielleicht auf der Suche sind nach einem neuen Projekt. Viele sind sich ja gar nicht sicher, ob sie ein Unternehmen gründen wollen, denen aber etwas aufgefallen ist, was ihnen fehlt, oder sie ärgert und sich fragen, ob das eine Grundlage für eine Geschäftsidee sein könnte. In den vielen Sessions, die ich schon gemacht habe, waren Ärzte, die wissen wollten, wie sie ihre private Praxis am besten aufstellen, oder Lehrer, die ihre Nachhilfetätigkeiten mit Hilfe der Startup-Methodik effektiver gestalten wollten. Kommen kann jeder, der sich einfach interessiert, oder rausfinden möchte, ob eine Idee überhaupt tauglich ist, und wer dieser komische Typ ist, der von sich behauptet, der Guru zu sein.  

Es ist alles sehr offen und ohne Formatvorgabe – niemand muss drei-Minuten-Pitches machen, keine Präsentationen mitbringen, bereits eine App programmiert haben oder für die Session etwas bezahlen. Die Teilnahme ist selbstverständlich kostenlos."  

Das ist ja nobel von Dir. Aber wie trägst und finanzierst du dich dann als Unternehmer?  

Christoph: “Gute Frage. Die Antwort darauf ist fast etwas wie ein Lebens-Tipp: “Was ich mache, mache ich entweder umsonst, oder für sehr viel Geld!” Sehr viel Geld habe ich bekommen, als ich vor einigen Jahren Anteile an einem Startup verkauft habe, oder eben für sehr gut bezahlte Programme, die ich für Großkonzerne mache. Ich habe lange das Intrapreneurship-Programm der Telekom betreut, bin Angel in Residence in Heilbronn auf dem Bildungscampus, bin beim Chemovator schon lange dabei und betreue hier in Berlin viele Inkubatoren mit Schwerpunkten wie Smart-City oder Smart-Health. Wenn Organisationen mit entsprechendem Budget auf mich zukommen, ist der Preis entsprechend. Im Gegenzug kann ich es mir dann aber auch leisten, ganz viel umsonst zu machen. Jeglicher Content, den es von mir gibt und alle Veranstaltungen von mir kosten nichts. Auch Leute, die mich über LinkedIn anfragen, ob sie mir mal eine Präsentation schicken können, bekommen dann Feedback. Leuten Geld abzunehmen, die kein Geld haben, ist nervig und blöd!  

Das hört sich so an, als würdest du gerade bei deinen Sessions einiges dazulernen?  

Christoph: “Auf jeden Fall! Ich habe ja oft den Vergleich mit Leuten, die reine Berater in Konzernen, Agenturen oder öffentlicher Hand sind und in formalisierten Zusammenhängen arbeiten. In aller Regel fehlt es eben diesen komplett an Kontakt mit Menschen, die gerade anfangen, weil man mit denen ja kein Geld verdienen kann. Mir ist dieser Kontakt mega-wichtig, um die Nähe zur Realität nicht zu verlieren. Wenn man die nicht mehr hat, fängt man an, nur noch in Powerpoint zu denken und Gründung zu systematisieren. Hinter jeder Gründung stecken Menschen - wer in einer Theorie-Struktur verhaftet ist und sich für jede Stunde bezahlen lässt, wird nicht klüger. Ich hatte noch nicht eine einzige Session, die keine geile, intellektuelle Herausforderung gewesen wäre. Ich treffe beispielsweis auf indische Studentinnen, die ein Content-Management-System für Mond-Missionen bauen wollen. Die haben mir erzählt, dass man wohl in der Astronomie weiß, dass es in den nächsten 20 Jahren wohl so viele Mond-Missionen geben wird, dass es sich lohnt, dafür ein Framework zu bauen. Wer würde darauf kommen? Das sind so Ideen, die mich begeistern, weil am dafür eben nicht so ein Feld-Wald-und-Wiesen-Typ sein darf, sondern jemand, der sich in einem bestimmten Bereich so gut auskennt, dass er oder sie an einem Problem arbeitet, dessen Lösung dann einen einmaligen Wert hat. Solche Momente habe ich häufiger bei meinen Sessions und bin schon jetzt sehr gespannt, wen ich wohl in Mannheim treffen werde. Ich versuche dann zu helfen, ihnen zu sagen, was der nächste Schritt sein könnte, mit wem sie dringend reden sollten und wer das, woran sie arbeiten, finanzieren könnte. Oder aber, ich empfehle, wieder einen Schritt zurückzugehen, wenn ich den Eindruck habe, dass jemand seine Zeit für etwas verschwendet, das nicht funktionieren kann."    

Die Session bei NEXT MANNHEIM im Musikpark ist die erste seit zweieinhalb Jahren, die nach Corona wieder echt und live an einem Ort stattfindet -und die erste in Mannheim überhaupt.