Was genau ist FemTech?

Alles über eine Branche, die jede*r kennen sollte! Finanzierung, Innovation und Vorurteile

Beim Blick auf Trends in der Tech-Startup-Szene, kommt man an FemTech nicht vorbei. Nicht nur, dass die Branche dabei ist, sich zu einem Industriegiganten auf dem Gesundheitsmarkt zu entwickeln, sie ist dabei die Medizintechnik-, Startup- und Investitionsszene von innen heraus zu verändern.

"FemTech" ist damit weit mehr als nur ein Modebegriff!

Es ist eine Bewegung, die mehr Bewusstsein, Sichtbarkeit und Selbstbestimmung für weibliche Körper fordert und gleichzeitig Innovationen vorantreibt, indem sie sich auf technische Lösungen konzentriert, die sich auf die Gesundheitsbedürfnisse von Frauen konzentriert.

LÖSUNGEN FÜR Frauengesundheit entwickeln

Was bedeutet der Begriff  "FemTech" genau?

Die FemTech-Branche, kurz für Female Health Technology, schafft technische Lösungen für die Gesundheit von Frauen. Sie macht auf die historische und systematische Ausgrenzung der Gesundheitsbedürfnisse von Frauen in der Gesundheitsbranche aufmerksam, zeigt Forschungslücken auf und stärkt Frauen, indem sie den weiblichen Körper in all seinen Facetten annimmt.

Die bespielten Gesundheitsbereiche umfassen eine Reihe frauenspezifischer Themen wie die Schwangerschaft, Menstruation, Becken- und Sexualgesundheit, Fruchtbarkeit, psychische Gesundheit und Menopause sowie Krankheiten, von denen Frauen überproportional betroffen sind, wie z. B. Osteoporose oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

WARUM BRAUCHEN WIR FEMTECH?

Schon von Beginn an wurde der Begriff kritisiert, wobei die Hauptfrage stets lautete: Warum müssen wir diese Produkte als "weiblich" bezeichnen? Schließlich gibt es auch kein "MaleTech". Wenn wir FemTech verwenden, unterstützen wir damit nicht indirekt Vorurteile und implizieren, dass die Hälfte der Bevölkerung eine Unterkategorie mit besonderen Bedürfnissen ist?
Die inhärente Kritik besteht also darin, dass der Begriff dazu beiträgt, dass "männlich" die Konstante, die Norm ist, während die "weiblich" das Andere ist. Er berücksichtigt nicht andere  Geschlechteridentifikation, wie z. B. nicht-binär, und könnte die "Pink Tax" erhöhen. Eben diese "Rosa Steuer" bedeutet, dass Produkte für Frauen aufgrund der geschlechtsspezifischen Stereotypisierung im Marketing zu einem höheren Preis verkauft werden.

Warum also brauchen wir den Begriff FemTech und ist seine Verwendung angemessen?
Kurz gesagt: Es wird eine eigene Kategorie benötigt, um zu zeigen, was aktuell vernachlässigt wird. Die Gesundheitsbranche übergeht die Bedürfnisse von Frauen und verpasst wertvolle Forschung und Daten über den weiblichen Körper.

Ein kleines Beispiel hierzu: Frauen im gebärfähigen Alter wurden viele Jahre lang von klinischen Studien für medizinische Behandlungen ausgeschlossen, um das Risiko von Geburtsfehlern zu vermeiden und weil ihre hormonellen Schwankungen "zu kompliziert" waren, um sie zu berücksichtigen.

Weitere Beispiele für Daten-, Forschungs- und Versorgungslücken sind zahlreich, vom geschlechtsspezifischen Schmerzgefälle bis hin zu einem 50 % höheren Risiko, nach einem Herzinfarkt falsch diagnostiziert zu werden - und dennoch sind nur 4 % aller Forschungs- und Entwicklungsarbeiten im Gesundheitswesen speziell auf die Gesundheit von Frauen ausgerichtet.

Ohne eine klare Benennung wird der Gesundheit von Frauen weiterhin keine Priorität eingeräumt, da Frauen in der Vergangenheit und somit systembedingt bisher in keiner Branche eine Priorität darstellten.

Warum haben wir Angst, unseren Weg zur Mainstream-Technologie zu einzufordern?
MEGAN CAPRICCIO

Das Ziel, das wir anstreben, ist, dass wir alle gleich sind. Davon sind wir noch weit entfernt.

Ein wichtiger Schritt ist es, jetzt die Bereiche hervorzuheben, die derzeit Aufmerksamkeit und Unterstützung brauchen. Wir müssen uns jetzt für die Gesundheit von Frauen einsetzen, damit sie verstanden und respektiert wird. Nur so wird das Thema die notwendige Zeit, Ressourcen und Sichtbarkeit erhalten. Wenn wir dieses Zeil weiter voranbringen, schaffen wir die Kategorie mit der Zeit selbst ab.

Der Aufstieg einer Industrie 

Aber wie ist diese wichtige Branche überhaupt entstanden? Hier kommt Ida Tin ins Spiel. Sie erkannte, wie weit die Technik in den letzten Jahrzehnten gekommen war, die Wissenschaft rund um die Körper von Fraun hingegen aber kaum Fortschritte gemacht hatte. So kam ihr die Idee für ihr Unternehmen und sie startete die Entwicklung der Fruchtbarkeits-Tracking-App Clue. Sie war es, die 2016 den Begriff FemTech prägte, weil sie Schwierigkeiten hatte, mit männlichen Investoren über weibliche Gesundheitsprodukte zu diskutieren. Also schuf sie diese ganz eigene Kategorie, um die Aufmerksamkeit auf eine Branche zu lenken. Einer Branche, der es leider noch immer an Finanzmitteln fehlt. 

Es gibt viele blinde Flecken, und die Gesundheit von Frauen war schon immer unterfinanziert, unterversorgt und unerforscht.
Ida Tin

Auf dem Weg in eine bessere Zukunft?

Die Unterinvestition in FemTech-Startups ist ein komplexes Thema. Es ist nicht nur auf unbewusste Geschlechter-Bias in der Investitionsszene zurückzuführen, sondern auch auf kulturelle Tabus und stigmatisierte Sichtweisen in Bezug auf den weiblichen Körper.

Ein kurzes Beispiel: Menstruationsprodukte durften bis 1972 nicht im amerikanischen Fernsehen beworben werden und in vielen Ländern wird die Menstruation immer noch nicht als Lebenswirklichkeit anerkannt.
Viele FemTech-Gründerinnen sind immer noch mit Ignoranz gegenüber der Funktionsweise des weiblichen Körpers und der alltäglichen Realität von Frauen beim Präsentieren ihrer Pitches konfrontiert.

Warum eigentlich? Da nur 3,2 % der Partner*innen in VC-Firmen weiblich sind, müssen sie wahrscheinlich vor männlichen Investoren pitchen, um eine Finanzierung zu erhalten.

Aber die Startup-Welt ändert sich langsam: "Je mehr wir darüber reden, desto einfacher wird es. Wenn sich männliche Investoren bei der Erwähnung von 'Vagina' unwohl fühlen, argumentieren Sie mit Zahlen und Chancen", rät die Investorin Tracy Warren. Selbst wenn der inhärente Wert der gesundheitlichen Verbesserung des Lebens von Frauen nicht überzeugend genug ist - das Marktpotenzial wird es sein.

Das Unternehmen von Ida Tin in Berlin ist eines der Vorbilder, die gezeigt haben, dass dies durchaus möglich ist: Es hat insgesamt fast 45 Millionen US-Dollar eingeworben, wobei die letzte Finanzierungsrunde der Series C im Jahr 2020 15 Millionen betrug.

Kein Einzelfall: Insgesamt hat die Finanzierung von FemTech-Startups stetig zugenommen, und die Prognosen für die Finanzierung in der Branche reichen von 3 bis 9 Milliarden US-Dollar bis Ende 2030. In den letzten Jahren wurde deutlich: Der Begriff FemTech, die Innovation der Frauengesundheit und das Interesse an dem Thema sind auf dem Vormarsch.
Quelle: McKinsey, https://www.mckinsey.com/industries/healthcare-systems-and-services/our-insights/the-dawn-of-the-femtech-revolution?cid=eml-web
Quelle: McKinsey, https://www.mckinsey.com/industries/healthcare-systems-and-services/our-insights/the-dawn-of-the-femtech-revolution?cid=eml-web

EIN POTENZIAL, DAS ES WERT IST, ENTDECKT ZU WERDEN

Was sind also die wichtigsten Potentiale, die die FemTech-Startups und Innovationen im Bereich der Gesundheit von Frauen mit sich bringen? 

  1. Beginnen wir mit dem, was wir bereits angesprochen haben: das Marktpotenzial. Der Kundinnenstamm für FemTech-Produkte ist nicht nur riesig - mit bis zu der Hälfte der Weltbevölkerung ist er sogar noch größer, wenn man bedenkt, dass Frauen über 85 % aller Konsumkäufe entscheiden und oft die wichtigsten Entscheidungsträgerinnen für die Gesndheit von Familien sind. Die Zielmärkte sind also alles andere als eine Nische!
  2. FemTech wirkt sich auf verschiedene Branchen aus und ist eine Vorreiterin in Sachen Vielfalt. FemTech Unternehmen treiben neue Führungs- und Arbeitsmodelle voran, konzentrieren sich oft auf bisher vernachlässigte Perspektiven, wie PoC im Gesundheitswesen, und mehr als 70 % hatten in den jüngsten Analysen mindestens eine weibliche Gründerin - im Vergleich zu weniger als 20 % bei neuen Start-ups im Allgemeinen. Dies öffnet die männerdominierte Tech-Branche für neue Chancen für Frauen. Mehr noch: In der gesamten Wertschöpfungskette könnte ein inklusiveres, geschlechterbewusstes System mehr Frauen mit unterschiedlichem Hintergrund ermöglichen, Erfinderinnen, Programmiererinnen, Investorinnen, Fachkräfte im Gesundheitswesen, Wissenschaftlerinnen und Gründerinnen zu werden.
  3. FemTech-Lösungen und -Dienstleistungen sind bedarfsorientiert, individualisiert und werden häufig durch KI oder maschinelles Lernen unterstützt.  Daher sind sie einzigartig in der Art und Weise, wie sie High-Tech mit High-Touch kombinieren, was zu neuen Innovationen in anderen Bereichen führt.
    Nicht zuletzt führt die stärkere Repräsentanz zu mehr verbraucher*innenorientierten Produkten, die die spezifischen Gesundheitsbedürfnisse von Frauen erkennen und berücksichtigen. Wenn die Gesundheit von Frauen in den Mittelpunkt gestellt wird, profitieren Familien, Unternehmen und die Gesellschaft als Ganzes davon.
  4. Zu guter Letzt sind FemTech-Produkte und Dienstleistungen nicht nur kommerziell erfolgreich, sondern tragen auch zur Schaffung der Voraussetzungen für weitere Innovationen und gesellschaftliches Wachstum bei.

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